„Die Schatten von Prag“ – Martin Becker, Tabea Soergel

Das Buch in einem Satz: In Prag 1910 erschüttert eine Mordserie die angespannte Prager Gesellschaft und mittendrin ermitteln ein Journalist und eine Medizinerin.

Lesenswert, weil man sich mit diesem Krimi durch die wunderschöne Prager Altstadt lesen kann.

Für alle, die dem Vorbild des Rasenden Reportes, Egon Erwin Kisch, auf Schritt & Tritt in Spelunken, geheime Gassen und an Tatorte folgen möchten.

Gute Textstelle: „Wie er den Müttern das Lächeln entlockte, das sich Damen in ihrem Alter für Männer wie ihn aufhoben. Er würde diesen Brodesser in Grund und Boden charmieren.“ S.175

Für die Medizinstudentin Lenka geht es 1910 vom modernen, pulsierenden Leben in Berlin zurück in die alte, kaiserliche Stadt Prag. Statt weiter zu studieren und die Nächte durchzutanzen, muss sie sich nun um ihre demente Mutter kümmern. Dabei kommt ihr ihr alter Freund Egon Erwin Kisch zu Hilfe. Dieser ist der berühmt-berüchtigte rasende Reporter, der sich auf alle Mordfälle der Stadt stürzt und Beziehungen nach ganz oben und ganz unten pflegt.
In der ohnehin aufgeheizten Stimmung in Prag zwischen Deutschen, tschechischen Nationalen und Juden droht auch noch der Weltuntergang durch den Halley’schen Kometen, der damals in aller Munde war und täglich beobachtet wurde. Nicht beruhigend wirken da mehrere Morde, deren Ermittlungen Kisch sofort aufnimmt. Dabei schreckt er nicht davor zurück, sämtliche Beziehungen spielen zu lassen. Auch seine Versetzung an den Schreibtisch hält ihn nicht auf.

Es ist herrlich zu lesen, wie Egon Erwin Kisch auf der Suche nach der nächsten Story durch Prag zieht, hier in eine Kneipe einkehrt und dort jemand Bekanntes ausfragt. Man schleicht mit ihm durch die engen Gassen und die Durchhäuser Prags und lernt ihn und seine Welt mehr und mehr kennen. Natürlich tritt auch Franz Kafka auf – überraschend locker und entspannt.

Der Krimi ist mit einer geheimnisvollen Femme Fatale, korrupten Beamten und allerlei charmanten Eigenbrötlern gespickt, sodass man das Gefühl hat, man liest sich in eine ganz andere Zeit.

Danke für das Leseexemplar an den @kanonverlag

Eure Anja