„Was ich von ihr weiß“ – Jean-Baptiste Andrea

Das Buch in einem Satz: Mimo und Viola in den Wirren des 20. Jahrhunderts zwischen Kunst, Emanzipation und der ganz großen Liebe.

Lesenswert, allein wegen der Sprache, vor allem aber wegen des wunderbaren Ich-Erzählers.

Für alle, die Demon Copperhead, gute Sprache und gewitzte Ich-Erzähler mögen.

Ich kann so gut verstehen, dass dieses Buch zum Lieblingsbuch der Buchhändler:innen in Frankreich gewählt wurde. Diesem Ich-Erzähler und seinem zynischen Sprachwitz bin ich so gerne gefolgt. Das Buch entwickelt einen solchen Sog, dass ich in jeder Leselage komplett abgetaucht bin. Mimo à la Michelangelo Vitaliani erzählt seine Geschichte 1986 auf seinem Sterbebett in einem einsamen Kloster in den Bergen, in dem er seit über 40 Jahren geduldet ist. Seine Eltern kamen in den 1920er Jahren aus Italien nach Frankreich. Als Makkaroni beschimpft, waren sie den Franzosen gut genug, um für das Land im 1. Weltkrieg zu kämpfen, was Mimos Vater mit dem Tod bezahlt. Sein Opa stirbt beim Zug der Tausend (Befreiung Siziliens) 1860 „im Krieg“, allerdings durch eine „Prostituierte von zweifelhafter Hygiene“.

Nach dem Tod des Vaters wird Mimo zu einem Onkel in Italien geschickt, um das Handwerk des Vaters – Steinmetz – zu erlernen. Eine harte Schule, geprägt von Gewalt, Ausbeutung und Lieblosigkeit. Gerettet wird er durch Viola, Tochter aus gutem Hause, die lieber Bücher verschlingt und dem unvermeidlichen Schicksal als Ehefrau entgehen möchte. Sie verhilft Mimo zu Büchern, Bildung und dem Glauben an sein unglaubliches Talent, das schon früh von seinem Onkel und anderen Schlitzohren erkannt wird.

Mimo und Viola verlieren sich, finden sich, lieben sich, hassen sich durch die Wirren des 20. Jahrhunderts, in denen Mimo unter den Faschisten zum gefeierten Künstler der Eliten wird. Geschickt treibt Jean-Baptiste Andrea diese wundervolle Geschichte voran. Ein Buch, das viel zu wenig Beachtung im letzten Literaturjahr gefunden hat und dem ich noch viele begeisterte Leserinnen und Leser wünsche.

Vielen Dank an @luchterhandliteratur für das Lex und Thomas Brovot für die wunderbare Übersetzung.

Lest wohl,
Eure Tanja